Exotische Optionsscheine zeichnen sich im Gegensatz zu klassischen Optionsscheinen dadurch aus, dass sie keinen Basispreis, aber dafür ein oder zwei KO-Schwellen haben, die genauso funktionieren, wie die knockout-Schwellen bei klassischen Turbo-Optionsscheinen und deren Varianten. Insbesondere darf diese Schwelle - oder beide Schwellen - nicht erreicht werden, ansonsten verfällt ein solcher Schein wertlos. Exotische Optionsscheine haben dafür immer eine begrenzte Laufzeit und so lange in dieser Laufzeit keine Schwelle erreicht wurde, erfolgt die Auszahlung eines zuvor festgelegten Betrages.
Natürlich gibt es auch Hit-Optionsscheine unter den "Exoten", bei denen eine Auszahlung nur genau dann erfolgt, wenn eine genannte Schwelle während der Laufzeit erreicht wird, aber diese Variante soll im Folgenden nicht weiter betrachtet werden.
Begrenzter Gewinn
Exotische Optionsscheine zeichnen sich damit durch eine begrenzte Gewinnmöglichkeit aus - der Festbetrag ist im voraus bekannt und der Einkaufs-Kurs ist für den potentiellen Gewinn sehr entscheidend. Beim Erwerb solcher Scheine fallen jedoch erhebliche Nebenkosten an, denn die Spreads, also die Differenz zwischen Ankaufskurs und Verkaufskurs, liegen in der Regel zwischen 1,5% und 5% und fallen zusätzlich zu einer ggf. noch zu zahlenden Provision für die Bank oder den Broker an.
Interessant sind solche Scheine, weil man damit auch an einer Seitwärtsbewegung des zugrunde liegenden Basiswertes verdienen kann. Dieser darf allerdings während der Laufzeit keine der bekannt gegebenen Schwellen erreichen. Der mögliche Kursgewinn hängt stark von der Volatilität des Basiswertes ab und liegt nur bei volatilen Werten in einem interessanten Bereich. Allerdings steigt bei volatilen Werten auch das Risiko, dass eine der Schwellen erreicht wird.
100% p.a. Gewinn?
Für einige Emittenten sind exotische Optionscheine ein lukratives Geschäft, wenn auch vielleicht ein wenig in der Nische. In einem wöchentliches Newsletter eines Emittenten werden tolle Renditen beschrieben, die - auf das Jahr hoch gerechnet - über 100% betragen können. Doch wie sieht die Wirklichkeit aus?
In einem Musterdepot wurden in den vergangenen gut zwölf Monaten, seit Mai 2023, alle exotischen Optionsscheine aus der wöchentlichen Empfehlung gekauft. Sofern der Kurs des Scheins während der Laufzeit am maximalen Auszahlungsbetrag angekommen war, wurden die Scheine wieder verkauft, wobei der Spread berücksichtigt wurde. Eine Provision für Bank oder Broker wurde hingegen nicht berücksichtigt; hier wird davon ausgegangen, dass eine solche Order über einen Neo-Broker erfolgte, der dies ohne weitere Kosten für den Kunden anbietet. Im Falle eines knockouts, also dem Erreichen einer der Schwellen, wird der Schein wertlos bzw. mit einem Restwert von 0,1 ct. ausgebucht.
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| Aus 250€ wurden 194,80€ 🙈 📉 |
Das Ergebnis ist ernüchternd, weil deutlich negativ. In ruhigen Börsenphasen vermag die Strategie zeitweise durchaus Gewinn zu erzielen, so auch zuletzt im April und Mai 2024. Doch sobald die Aktienbörsen bzw. die zugrunde liegenden Werte auch nur Anzeichen von Stress zeigen, sinkt die Performancekurve ab. Das führte dazu, dass von 46 Verkäufen insgesamt zwar 34 erfolgreich waren (Trefferquote 74%), aber durch die 12 Totalverluste (26%) die Performance ins Minus gedrückt wurde (Stand: 14.06.2024). Das liegt vor allem daran, dass der durchschnittliche Verlust deutlich höher ist, als der mögliche Gewinn - in einem solchen Fall hilft auch die hervorragende Trefferquote von 74% nicht mehr weiter.
Stopp? Meist zu eng an der Schwelle
Zwar wird im Newsletter fast immer ein Stopp des zugrunde liegenden Basiswertes genannt, zu dem man aussteigen sollte, aber dieser liegt in der Regel schon so nahe an der Schwelle, dass ein Ausstieg häufig nicht mehr geordnet möglich ist, was auch daran liegen kann, dass der Emittent in solchen Fällen bereits den Handel eingestellt oder eingeschränkt hat und dann nur noch einen symbolischen Kurs stellt.
Aktien mit hoher Volatilität ausgewählt
Natürlich werden als Basiswerte für den wöchentlichen Newsletter nur die volatilsten Werte genommen, denn man muss ja mit hohen Performance-Zahlen werben. Auch impliziert der Newsletter ein Klumpenrisiko, weil Basiswerte mehrfach verwendet werden, sich ein exotischer Optionsschein noch innerhalb der Laufzeit befindet, während bereits ein weiterer des gleichen Basiswertes vorgestellt wird. Auf diese Weise gab es am 8. März 2024 ein AHA!-Erlebnis: Die Aktie von HelloFresh stürzte an diesem Tag um 40% ab, wodurch bei gleich zwei Scheinen die Schwelle riss, ohne eine Chance, die Papiere noch mit einem Restwert zu verkaufen. Am 14. Juni 2024 erwischte es dann gleich zwei Scheine auf Nvidia, die beiden die gleiche obere Schwelle von 130$ hatten. Auch hier war ein rechtzeitiger Ausstieg kaum noch möglich.
Als Fazit lässt sich festhalten:
- Man sollte auf die Kosten (auch den Spread) der Derivate achten, die man handelt.
- Man sollte immer das Verhältnis zwischen Chance und Risiko im Blick behalten.
- Keine Strategien handeln, die nicht funktionieren, wie die vorliegende.
- Man sollte den Empfehlungen eines Newsletter nicht blind folgen.
Nicht von den "tollen" Performance Zahlen in Newslettern blenden lassen. Denn diese beinhalten auch immer ein rhebliches Risiko. Die Realität sieht damit oftmals anders aus. Um so etwas zu zeigen und (angehenden) Tradern näher zu bringen, dazu dient dieser vorliegende Artikel, in dessen Recherche ich gern ein klein wenig Aufwand gesteckt habe.

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