Eigentlich sind Faktor-Zertifikate ein schönes Derivat: Der Hebel wird jeden Tag wieder neu adjustiert, damit er konstant bleibt. Steigt der ausgesuchter Basiswert also um 50%, und nutze ich den Faktor 4, dann steigt mein Zertifikat um 200%. Ich werde reich! Oder vielleicht doch nicht?
Problem: Volatiler Seitwärtstrend
"Hin und Her macht Taschen leer", ist ein allgemeiner Rat, den angehende Anleger und Trader oft zu hören bekommen. Gemeint ist, nicht zu oft in den Markt hinein und heraus zu gehen, denn es kostet jedes Mal Gebühren. Auch wenn in Zeiten von Neo-Brokern diese gering erscheinen, so können versteckte Gebühren wie Spreads und Slippage empfindlich die Performance mindern. Bei den Faktor-Zertifikaten ergibt sich allerdings eine konstruktionsbedingte Eigenschaft, und die ist für einen Anfänger nicht klar ersichtlich, wenn er gerade damit begonnen hat, mit diesen Derivaten zu handeln, ohne sich zuvor genauer damit auseinander zu setzen.
Faktor 4 (Long) auf NVIDIA
Ich habe dazu ein anschauliches Beispiel heraus gesucht. Dieses hat nicht nur Bezug zum aktuellen Marktgeschehen, sondern ist sogar mit reellen Daten erstellt. Zum Vergleich habe ich die NVIDIA Aktie heran gezogen, die sich in den letzten vier Monaten in einer volatilen Seitwärtsphase befand. Bei einem Kauf am 03.06.2024 waren zum Schlusskurs an der WallStreet 115$ für eine Aktie zu bezahlen. Parallel dazu betrachten wir ein (imaginäres) Faktor-Zertifikat (Long) auf NVIDIA, welches am 03.06.2024 ebenfalls 115$ zum Schluss gekostet hätte. Auf eine Umrechnung in Euro verzichte ich in dieser Betrachtung, damit der Sachverhalt einfacher darstellbar ist. Zudem wurde ein Hebel von nur 4 gewählt, weil die NVIDIA-Aktie recht volatil ist und im betrachteten Zeitraum keine Anpassung des Zertifikates während der Handelszeit erfolgen soll. Eine solche Anpassung soll hier nicht betrachtet werden, wirkt sich aber zusätzlich negativ auf die Performance aus.
Betrachtet wird nun, was bis zum Freitag, den 27.09.2024, daraus geworden ist. Die NVIDIA-Aktie schloss mit 121,40$. Damit ergibt sich für denjenigen, der die Aktie gekauft hat, eine Performance von immerhin 5,57%. Und das Faktor-Zertifikat mit Faktor 4? Sollte dann ja wohl etwas über 20% im Plus stehen?
Böses Erwachen!
Dem ist aber nicht so. Durch die tägliche Adjustierung war der Käufer des Zertifikates zwar jeden Tag mit konstantem Hebel 4 unterwegs, aber insgesamt sehr zu seinem Nachteil. Durch die Achterbahnfahrt der NVIDIA-Aktie mit zwischenzeitlich 14% Plus und zeitweise auch 14% Minus in der Aktie gegenüber dem Einstandskurs verlor das Zertifikat überdurchschnittlich und kostet am Ende nur noch 67.25$, ein Minus von 41,5%.
Bei den anfänglichen Anstiegen ist noch eine Verstärkung des Hebels zu sehen - in der Spitze hat das Zertifikat bis zum 18. Juni 2024 um knapp 86% zulegt, die Aktie hingegen nur um gut 14%. Am 7. August stand die Aktie knapp 14% im Minus; das Faktor-Zertifikat mit knapp zwei Dritteln (65%). Jeder Händler weiß, dass ein solcher Verlust schwer wieder aufzuholen ist. Das gilt auch für das Faktor-Zertifikat, denn der Hebel bleibt konstant und in einer Kurserholung muss ein Gewinn von der niedrigeren Basis aus erwirtschaftet werden. Am 19. August 2024 hatte die NVIDIA-Aktie immerhin wieder einen Gewinn von rund 13%, aber das Faktor-Zertifikat konnte den Verlust nicht vollständig aufholen (-3,5%). Bis zum 6. September, als die Aktie erneut mit 10,5% im Minus stand, sammelte das Zertifikat sogar Verluste von insgesamt 67% an. Auch mit der anschließenden Erholung blieb das Zertifikat deutlich im Minus.
Knockout besser?
Da drängt sich der Vergleich mit einem open-end Knockout-Zertifikat auf. Zum Vergleich sollte hier ebenfalls ein Hebel von vier gewählt werden, wodurch der Basispreis des Zertifikates bei 86,25$ liegt und der Wert des KO-Scheins damit bei 28,75$, bei einem Aktienkurs von anfänglich 115$. Ein etwaiges Aufgeld, welches auch open-end knockouts haben, soll in dieser vereinfachten Betrachtung außen vor gelassen werden. Am 27. September 2024 sieht die Rechnung dann so aus: Das Zertifikat wäre bei einem Aktienkurs von 121,40$ dann theoretisch 35,15$ wert. Allerdings sind noch die Finanzierungskosten zu berücksichtigen: Ein Emittent gibt diese mit 7% p.a. an, und ich rechne hier vereinfacht mit einer Laufzeit von 4 Monaten, also einem Drittel des Jahres und damit auch einem Drittel des Zinssatzes. Somit ergibt sich ein um 2,33% gestiegener Basispreis des KO-Zertifikats von dann 88,26$ und ein daraus resultierender Preis des Zertifikats von 33,14$. Das macht immerhin einen Wertzuwachs von 15,26%, also effektiv etwa das dreifache des Wertzuwachses der Aktie. Vorausgesetzt natürlich, man hat die Höhen und Tiefen psychisch durchgehalten. Ein KO-Ereignis wäre hier nicht eingetreten, da der Aktienkurs nur zeitweise unter 100$ war.
Fazit
Das Beispiel zeigt, dass es dringend angeraten ist, sich mit Finanz-Produkten zu beschäftigen, bevor man sie kauft. Natürlich sollte man das auch mit dem Basiswert, also der NVIDIA Aktie tun, aber das nur am Rande. Ich wünsche weiterhin viel Erfolg beim Traden und Investieren.
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